Vula Buch Ina Schuppe

Moment mal … rieche ich jetzt anders?

Warum die Vagina plötzlich anders riecht und welche Rolle Hormone und Mikroflora dabei spielen

Viele Frauen berichten in den Wechseljahren von einem Moment der Irritation.
Die Vulva riecht plötzlich strenger, manchmal leicht ammoniakartig, manchmal einfach fremd. Auch der Urin scheint einen ungewohnten Geruch zu haben. Das kann verunsichern und leider auch beschämen. Dabei hat das Ganze nichts mit mangelnder Hygiene zu tun. Im Gegenteil.

Um zu verstehen, was hier passiert, müssen wir einen Blick auf die wahren Heldinnen der Vagina werfen, die Laktobazillen.

Laktobazillen sind die Superhelden der Vagina. Unsichtbar, fleißig und hoch effektiv sorgen sie dafür, dass das vaginale Ökosystem im Gleichgewicht bleibt. Sie produzieren Milchsäure, halten den pH-Wert niedrig und sauer und schaffen damit ein Milieu, in dem krankmachende Bakterien kaum eine Chance haben. Solange diese Superheldinnen zahlreich vorhanden sind, riecht die Vagina mild, leicht säuerlich oder nach fast gar nichts.

Doch dann kommen die Wechseljahre.

Mit dem Absinken des Östrogenspiegels verändert sich die Vaginalschleimhaut grundlegend. Östrogen sorgt normalerweise dafür, dass sich Glykogen, eine Zuckerart, in der Schleimhaut anreichert. Dieses Glykogen ist die wichtigste Nahrungsquelle der Laktobazillen. Weniger Östrogen bedeutet also weniger Futter. Und ohne Futter ziehen die Superheldinnen aus.

Die Folge ist, dass die Anzahl der Laktobazillen deutlich abnimmt oder ganz verschwindet. Der pH-Wert steigt, das Milieu wird weniger sauer, und plötzlich fühlen sich andere Mikroben sehr wohl. Bakterien, die vorher nur in kleinen Mengen vorhanden waren, etwa Darmbakterien oder Hautkeime, übernehmen die Bühne. Viele von ihnen produzieren Stoffwechselprodukte, die deutlich intensiver riechen. Genau diese Stoffe sind es, die wir als unangenehmen Geruch wahrnehmen.

Dass auch der Urin anders riecht, hängt ebenfalls mit diesem Wandel zusammen. Die Harnröhre liegt anatomisch sehr nah an der Vagina und wird von derselben mikrobiellen Umgebung beeinflusst. Wenn schützende Laktobazillen fehlen, können sich andere Bakterien leichter ausbreiten. Gleichzeitig wird die Schleimhaut dünner, trockener und empfindlicher. Das begünstigt kleine Entzündungen und verändert die Zusammensetzung des Urins, inklusive seines Geruchs.

Das Wichtigste zuerst. Das ist kein Zeichen von Krankheit, mangelnder Pflege oder persönlichem Versagen. Es ist Biologie.

Und jetzt die gute Nachricht: Wir sind dem nicht hilflos ausgeliefert.

Denn auch wenn die Östrogenproduktion sinkt, können wir unsere Mikroflora aktiv unterstützen. Ein darmfreundlicher Lebensstil mit ballaststoffreicher Ernährung, viel Gemüse, fermentierten Lebensmitteln und regelmäßiger Bewegung hilft nicht nur dem Darm, sondern auch der vaginalen Mikroflora. Weniger Zucker, weniger stark verarbeitete Lebensmittel und weniger Stress sind ebenfalls entscheidend für ein stabiles mikrobielles Gleichgewicht.

Für viele Frauen ist zudem eine lokale Östrogentherapie in Form einer Creme oder eines Vaginalzäpfchens ein echter Wendepunkt. Sie wirkt direkt dort, wo sie gebraucht wird, baut die Schleimhaut wieder auf, erhöht den Glykogengehalt und lädt die Laktobazillen zurück ein. Oft normalisieren sich Geruch, Feuchtigkeit und Wohlbefinden innerhalb weniger Wochen.

Die Moral der Geschichte ist einfach. Der Körper ist nicht kaputt. Er befindet sich im Umbau. Und wir haben erstaunlich viele Möglichkeiten, diesen Umbau mitzugestalten.

Vielleicht ist genau das die Einladung der Wechseljahre. Den eigenen Körper neu kennenzulernen, ihm zuzuhören und den stillen Heldinnen wieder den Platz zu geben, den sie verdienen. Denn wenn die richtigen Mikroben zurückkehren, verschwindet der Geruch meist ganz von selbst.
 

Dr. Ina Schuppe Koistinen

Dr. Ina Schuppe Koistinen

Dr. Ina Schuppe Koistinen ist eine renommierte Wissenschaftlerin, Autorin und Künstlerin, die sich auf die Erforschung des menschlichen Mikrobioms spezialisiert hat.